Music

Der lange Weg zur eigenen Frequenz

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11 Min.

Drezlo bewegt sich seit über zehn Jahren in der elektronischen Musik. Was als Faszination begann, wurde zu einem Lebensweg durch Auftritte, Selbstständigkeit, Rückschläge, Burnout und neue Klarheit. Seine Geschichte handelt von Professionalität im Musikbusiness, von Grenzen, Vertrauen und dem langen Prozess, eine eigene künstlerische Linie zu finden.

Wie elektronische Musik zu meinem Weg wurde

Heute bin ich Anfang dreissig. Die elektronische Musik begleitet mich seit mehr als zehn Jahren. Entdeckt habe ich sie ungefähr 2011 oder 2012, und aus dieser ersten Faszination wurde mit der Zeit ein fester Teil meines Lebens. Am Anfang war es vor allem Neugier. Ich wollte herausfinden, wie alles zusammenkommt, wie ein Set funktioniert, wie Energie im Raum entsteht und wie Musik Menschen verändert. Bei den ersten Momenten, in denen ich selbst auflegte, war es für mich rückblickend vielleicht nichts Riesiges. Damals fühlte es sich aber gross an. Ich habe gemerkt, dass mich genau das glücklich macht: Menschen mit Musik glücklich zu machen. Dieser Punkt hat eigentlich den ganzen Weg gestartet.

Relativ schnell wurde klar, dass Musik für mich mehr ist als ein Ausgleich neben einem normalen Job. Ich wollte mein Leben nicht nur darauf ausrichten, Geld zu verdienen und irgendwo Sicherheit aufzubauen. Ich wollte etwas machen, das sich für mich richtig anfühlt, auch wenn sehr viel Arbeit dahintersteckt.

Gerade im Hintergrund sieht kaum jemand, wie viel geschafft wird. Musik klingt für viele nach Nachtleben und Bühne. Für mich besteht sie aus Vorbereitung, Produktion, Technik, Professionalität, Kommunikation und der Frage, wie ernst man sich selbst nimmt. Mit der Zeit wurde daraus weniger ein Hobby und mehr ein Business, das trotzdem aus Leidenschaft entstanden ist.

Der Anfang war oft Einzelgang

Am Anfang war die Unterstützung nicht gross. In der Familie war der Schritt ins Nachtleben schwierig einzuordnen. Es dauerte lange, bis akzeptiert wurde, dass dieser Weg für mich keine Phase ist. In der Szene selbst war es ebenfalls nicht leicht. Gegenüber Newcomern gab es viel Druck, viel Ablehnung und manchmal das Gefühl, blockiert zu werden. Lange war ich als Einzelgänger unterwegs. Ich habe gesehen, dass ich alles gebe, aber gleichzeitig gemerkt, dass Einsatz allein nicht automatisch Anerkennung bringt. Das war frustrierend. Trotzdem blieb mein Mindset relativ klar: Ich habe Ziele, ich verfolge sie und ich gehe nicht einfach weg, wenn es schwierig wird.

Ein grosser Einschnitt kam, als ich mich ein halbes Jahr vor Corona vollständig selbstständig machte. Ich habe damals viel riskiert, und am Anfang ging vieles gut auf. Danach holte mich die Realität ein. Es reichte nicht, vor allem aufzulegen und nur nebenbei zu produzieren. Ich musste tiefer in die Materie gehen und verstehen, wie viel Qualität wirklich hinter guter Musikproduktion steckt. Eine weitere Lektion war, mich von Menschen zu lösen, die mir auf lange Sicht nicht guttaten. Ich hatte Erfahrungen mit einem Manager, der sich später als falsche Unterstützung herausstellte. Daraus lernte ich, stärker für mich selbst einzustehen und Grenzen zu ziehen. Heute ist das für mich einer der wichtigsten Punkte überhaupt. Der Weg, der mich weitergebracht hat, bestand aus Learnings, Auseinandersetzung mit der Materie und Arbeit an mir selbst. Abkürzungen haben langfristig nie das gehalten, was sie versprochen haben.

Professionalität vor Anerkennung

Am Anfang habe ich mich eigentlich wie ein Sales Agent verhalten. Ich habe angeklopft, angefragt, probiert und gelernt, mich selbst zu verkaufen. Dabei wurde mir schnell bewusst, dass ich mit Musik allein schwer aussteche, wenn diese Musik noch niemand kennt. Also musste der erste Eindruck stimmen. Ich baute meine Website, Social Media und mein Auftreten so auf, dass Menschen sehen konnten, dass hier jemand professionell arbeitet. Der erste Eindruck zählt. Auch wenn noch nicht alles Hand und Fuss hatte, wollte ich zeigen, was ich mache, was ich erreicht habe und wie ernst ich die Sache nehme.

In der Schweiz ist das manchmal schwierig, weil man sehr bodenständig bleibt und sich selbst nicht zu stark präsentieren will. Ich habe selbst lange damit gehadert. Mit der Zeit lernte ich aber, dass gutes Selbstverkaufen nicht heisst, abzuheben. Es heisst, die eigene Arbeit sichtbar zu machen und ernst genug zu nehmen.

Ein wichtiges Learning kam sehr früh bei den ersten Gigs. Ich stand an Pulten, spielte teilweise mit einfachen Setups und merkte: Es reicht nicht, einfach irgendwie aufzulegen. Man muss sich mit der Materie befassen, aus jedem Set lernen und jedes Mal besser werden wollen. Gerade die kleinen Auftritte waren dafür wichtig. Bars, Hinterräume, Orte mit wenigen Leuten. Dort lernt man aufzulegen. Dort lernt man, mit Energie umzugehen, mit Stille, mit Reaktionen, mit Fehlern. Bis heute hinterfrage ich nach fast jedem Set, was gut war, was nicht gepasst hat und was ich beim nächsten Mal verbessern kann.

2019 spielte ich in Kroatien auf einer grossen Stage. Das war ein Moment, von dem ich früher vielleicht geträumt hätte. Rückblickend war ich dafür noch nicht genug gewachsen. Es war kein schlechter Auftritt, aber ich weiss heute, dass Erfahrung, Ruhe und Umgang mit Druck genauso wichtig sind wie die Chance selbst. Man kann Schritte überspringen, aber die Lektionen holen einen später wieder ein.

Wenn es schwierig wird, hilft Distanz

Die schwierigste Phase der letzten Zeit hatte viel mit dem Geschäftlichen zu tun. Ich war in einem Job, den ich gern gemacht habe und der objektiv gut war. Trotzdem hat er mich komplett ausgelaugt. Es ging Richtung Burnout. An diesem Punkt wurde mir klar, dass ein guter Job nicht automatisch der richtige Weg ist. Seitdem höre ich stärker darauf, was innerlich passiert. Wenn es schwierig wird, versuche ich zuerst Abstand zu nehmen und in die Realität zurückzugehen. Wo ich heute stehe. Wo ich vor einem Jahr stand. Ob Fortschritte da sind. Diese Einordnung hilft mir, mich nicht komplett von einem schlechten Moment bestimmen zu lassen.

Jedes Jahr gibt es mindestens einmal eine Phase, in der ich mich frage, wo ich eigentlich stehe. Bisher konnte ich immer sehen, dass ich im Vergleich zu vorher weitergekommen bin. Vielleicht langsamer als gewünscht, aber weiter. Das gibt mir Energie. In kreativen Phasen habe ich auch gelernt, nichts zu erzwingen. Wenn ich am Computer sitze und keine Inspiration da ist, muss ich nicht krampfhaft kreativ sein. Dann arbeite ich an technischen Sachen, baue Templates, verbessere Workflows oder bringe mir etwas bei. Auch das ist Teil des Prozesses.

Der Kontakt mit erfahrenen DJs hat mir zusätzlich geholfen. Menschen, die zwanzig Jahre in der Szene waren, Rückschläge hatten und trotzdem weitergingen, zeigen mir, dass Timing unterschiedlich ist. Leidenschaft allein löst nicht alles, aber ohne sie hält man den Weg kaum durch.

Solange echte Leidenschaft da ist, darf man nicht aufgeben. Träume halten einen am Leben.

Umfeld, Vertrauen und der Blick nach aussen

Mit der Zeit wurde mein Umfeld für mich immer wichtiger. Ich bin introvertiert und spüre sehr genau, mit wem ich arbeiten kann. Wenn ich kein gutes Bauchgefühl habe, mache ich es heute nicht mehr. Egal, wie gross die Chance wirkt. Diese Haltung kommt aus Erfahrungen. Ich habe falschen Menschen vertraut und bin damit hart auf die Fresse geflogen. Heute arbeite ich nur noch mit Menschen zusammen, bei denen Vertrauen und Augenhöhe stimmen. Für mich ist das kein netter Zusatz, sondern eine Voraussetzung, damit ich überhaupt mein Bestes abrufen kann. Das gilt für Business genauso wie für Freundschaft und Beziehung. Meine Partnerin hat mich von Anfang an mit diesem Lebensstil kennengelernt. Ich habe immer klar gesagt, wie mein Leben aussieht, dass ich unterwegs bin, Wochenenden weg bin, im Studio sitze und mich stark auf Musik fokussiere. Damit das funktioniert, braucht es Kommunikation.

Wenn ich unterwegs bin, melde ich mich, damit sie weiss, wo ich bin und sich keine Sorgen machen muss. Oft telefonieren wir einmal am Tag. Gleichzeitig versteht sie, dass ich bei einem Auftritt arbeiten muss. Sie muss nicht jedes Mal hinter mir stehen und warten, während ich mich fokussiere. Diese Art von Verständnis ist für mich sehr wertvoll. Auch im Freundeskreis ist es ähnlich. Manche Menschen sehe ich nicht oft, trotzdem weiss ich, dass sie da sind. Mit anderen Produzenten telefoniere ich nachts und tausche mich über Ziele, Rückschläge und konkrete Tipps aus. Das Gefühl, nicht allein im Boot zu sitzen, macht viel aus.

Für mich ist Gemeinschaft wichtig, wenn sie echt ist. Sie soll nicht bremsen, ausnutzen oder Druck machen. Sie soll helfen, klarer zu werden, besser zu arbeiten und sich gegenseitig vorwärtszubringen.

In der Schweiz erlebe ich Musik oft anders als im Ausland. Hier kannst du viel erreichen und trotzdem fehlt manchmal die breite Anerkennung für die Kunst. Im Ausland spüre ich häufiger, dass Menschen genauer hinschauen, was man gemacht hat, was man mitbringt und welchen Sound man vertritt. In Deutschland oder anderen Ländern hatte ich oft das Gefühl, dass der DJ stärker wegen seiner Musik wahrgenommen wird. In der Schweiz wird Auflegen schneller als etwas Selbstverständliches gesehen. Genau deshalb habe ich für mich musikalisch keine grossen Ziele nur innerhalb der Schweiz definiert. Mein Blick geht stärker nach aussen.

Erfolg heisst für mich innere Ruhe

Heute arbeite ich parallel an mehreren Baustellen. Ein grosser Teil bleibt die Produktion. Ich verbessere Workflows, feile an Releases und gehe tiefer in die Frage, was ein Track wirklich braucht, damit er qualitativ steht. Früher dachte ich schneller, dass etwas schon reicht. Heute bin ich genauer geworden.

Dazu kommt Social Media. Es gehört leider dazu, dass man als Künstler, Produzent und DJ auch dort konstant arbeiten muss. Für mich ist das nicht der Teil, der mir am leichtesten fällt, aber ich sehe, dass Sichtbarkeit Teil des Geschäfts ist. Ein weiteres Projekt ist eine App für DJs. Die Idee kommt aus meinem eigenen Alltag. Ich wollte ein Tool, das Tasks, Bookings, Verträge und Finanzen an einem Ort bündelt. DJs sollen organisatorisch weniger Zeit verlieren und sich stärker auf Musik konzentrieren können. Genau so eine Unterstützung hätte ich selbst oft gesucht.

Parallel dazu beschäftige ich mich stark mit persönlicher Entwicklung. Nach den Erfahrungen mit Erschöpfung, falschen Menschen und Druck achte ich mehr auf Mental Health, Gesundheit und innere Stabilität. Ich will besser aus mir herauskommen, klarer für mich einstehen und trotzdem gesund bleiben. Erfolg bedeutet für mich heute vor allem, glücklich mit dem zu sein, was man macht, und innere Ruhe zu haben. Jeden Morgen aufzustehen und sich auf den Tag zu freuen, ist für mich ein echter Erfolg. Ich hatte gut bezahlte Jobs, die mich nicht glücklich gemacht haben. Musik brachte mir Phasen mit wenig Geld, aber sie gab mir ein Gefühl von Sinn.

Erfolg ist für mich, gesund aufzustehen, ausgeglichen zu sein und auf eine gute Art sagen zu können: Das ist mein Weg.

Wenn ich meinem jüngeren Ich etwas mitgeben würde, dann Geduld, Vertrauen und Lernwillen. Keine Abkürzungen suchen. Bodenständig bleiben. Sich bewusst sein, wo man steht, auch wenn schon vieles erreicht wurde. Selbstvertrauen und Reife bedeuten nicht, dass man sich grösser machen muss, als man ist. Sie bedeuten, dass man weiss, wofür man arbeitet.

Mein Weg ist noch weit. Aber heute weiss ich besser, worauf ich achten muss. Qualität, echte Menschen, klare Grenzen, bessere Workflows und Musik, die aus Leidenschaft entsteht. Das ist die Linie, an der ich weiterarbeite.

David R.
Music
11 Min.
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