Elena Grabocka und der Mut, höher zu springen
Ein Weg, der mit Bildung begann
Meine Geschichte beginnt in einem sehr traditionellen Umfeld. Beide Eltern wollten, dass ich in den medizinischen Bereich gehe. Bildung war bei uns ein zentrales Thema. Lernen, Leistung und Schule standen lange im Mittelpunkt meines Alltags.
Mit neunzehn oder zwanzig begann ich mein Medizinstudium. Zu dieser Zeit war mein Leben sehr klar aufgebaut. Ich lernte, ich studierte, ich konzentrierte mich auf die nächsten Prüfungen. Bis Anfang zwanzig bestand mein Alltag im Wesentlichen aus Schule, Schule und nochmals Schule.
Damals hätte ich nicht direkt gesagt, dass daraus einmal ein unternehmerischer Weg entstehen würde. Rückblickend war diese Phase trotzdem wichtig. Sie hat mir Disziplin gegeben und gezeigt, wie lange man an einem Ziel bleiben kann, wenn man sich innerlich darauf eingestellt hat.
Der erste Blick nach draussen
Mit einundzwanzig bekam ich mein erstes Praktikum. Es kam auf eine Art zustande, die fast zufällig wirkt. Ich war auf YouTube, sah eine Person, die ein Praktikum anbot, bewarb mich und schrieb ihr zusätzlich direkt eine Nachricht. Diese Person wurde später zu einer meiner Mentorinnen.
Dieses Praktikum war die erste internationale Firma, die mir eine Chance gab. Es war zugleich mein erster echter Kontakt mit einer Welt ausserhalb von Albanien. Ich arbeitete mit Menschen aus verschiedenen Kulturen zusammen und merkte schnell, dass Lernen hier nicht nur fachlich passierte. In den ersten Monaten ging es auch darum zu verstehen, was in anderen Kulturen als respektvoll, direkt oder unangebracht wahrgenommen wird.
Diese erste Chance hat mich nicht einfach weitergebracht. Sie hat mir gezeigt, wie gross die Welt ausserhalb des vertrauten Umfelds wirklich ist.
Vom Marketing in den Verkauf
Nach diesem ersten Einstieg begann ich, weitere berufliche Schritte zu machen. Ich wechselte von einer Firma zur nächsten, suchte Möglichkeiten und baute mir selbst neue Chancen auf. Später wurde ich von einer Agentur in Kanada eingestellt und arbeitete dort mit zweiundzwanzig oder dreiundzwanzig als Marketing Managerin.
Danach führte mich der Weg in den Verkauf. Sales wurde für mich zu einer der wichtigsten Schulen. Dort lernte ich Selbstvertrauen, Kommunikation und den Umgang mit Menschen. Heute sehe ich diese Fähigkeiten als einen grossen Teil meines Geschäfts. In meiner Arbeit geht es zu einem sehr grossen Teil darum, Menschen zu verstehen, ihre Situation einzuordnen und ihnen einen Weg zu zeigen, der realistisch und gleichzeitig ambitioniert ist.
Die Herausforderungen kommen später
Viele sprechen über die Schwierigkeiten am Anfang. Für mich lag die Wahrheit etwas anders. Am Anfang fühlte sich vieles eher leicht an. Man lernt, verdient zum ersten Mal eigenes Geld, trifft neue Menschen und entdeckt eine neue Welt. Diese Phase war aufregend und gab mir Energie.
Die wirklichen Herausforderungen begannen später, als aus Neugier Verantwortung wurde. Dann kamen Fragen rund um Conversion Rates, Partnerschaften, Kundenerwartungen und Entscheidungen, die nicht mehr nur eine Idee betrafen, sondern echte Menschen und echte Resultate.
Die Herausforderungen beginnen oft erst dann, wenn die erste Euphorie vorbei ist und die Arbeit wirklich tragen muss.
Es gab auch Momente, in denen ich ans Aufgeben dachte. Eigentlich passiert das sehr oft. Manchmal sogar an einem normalen Morgen. Was mich weitergehen lässt, ist zum einen das Gefühl, schon zu weit gegangen zu sein, um einfach stehenzubleiben. Zum anderen gibt es Menschen, die von mir und meiner Vision abhängig sind. In der Firma arbeiten fünf Menschen. Dadurch verändert sich die Perspektive. Man baut nicht mehr nur für sich selbst.
Verantwortung hält mich in Bewegung
Unternehmertum ist für mich eng mit Verantwortung verbunden. Natürlich gibt es Familie, persönliche Ziele und finanzielle Themen. Doch sobald ein Team da ist, entsteht eine weitere Ebene. Menschen vertrauen auf eine Richtung, auf Entscheidungen und auf die Stabilität, die man gemeinsam aufbauen möchte.
Gleichzeitig hilft mir der Blick auf andere Unternehmerinnen und Unternehmer. Viele sind ebenfalls weit entfernt von dem Punkt, an dem sie eigentlich sein möchten. Das klingt hart, aber es relativiert den eigenen Druck. Wenn andere kämpfen, Ziele verfehlen und trotzdem weiterarbeiten, erinnert mich das daran, dass diese Phase Teil des Prozesses ist.
Einer meiner engsten Kontakte ist gleichzeitig meine Sales Managerin. Sie hält mich im Alltag oft sehr direkt verantwortlich. Sie schickt mir Aufgaben, fragt nach, ob sie erledigt sind, und erinnert mich daran, was wirklich vorwärtsbringen muss. Dieses Mass an Klarheit hilft mir mehr als viele motivierende Sätze.
Dankbarkeit als Realitätssinn
Eine der wichtigsten Lektionen auf diesem Weg ist Dankbarkeit. Ich schreibe oft auf, dass ich dankbar für die Gelegenheit bin. Nicht jeder Mensch hat Zugang zu Chancen. Nicht jeder kann überhaupt scheitern, weil nicht jeder die Möglichkeit bekommt, etwas zu versuchen.
In Dubai traf ich einmal einen jungen Verkäufer in einem Tabakgeschäft. Er war zweiundzwanzig und erzählte mir, dass er in zwei Jahren zweitausend Dollar sparen möchte. In diesem Moment wurde mir wieder bewusst, wie unterschiedlich Realitäten sein können. Für manche Menschen ist ein Betrag, den andere in kurzer Zeit ausgeben, ein grosses Ziel über mehrere Jahre.
Selbst das Scheitern ist ein Privileg, wenn man überhaupt die Chance bekommen hat, etwas aufzubauen.
Diese Erkenntnis macht mich nicht passiv. Sie macht mich wacher. Sie erinnert mich daran, dass jede Gelegenheit auch eine Verantwortung trägt.
Arbeit zwischen Ländern und Kulturen
Durch meine Arbeit habe ich verschiedene Märkte und Arbeitskulturen erlebt. Kanada und die USA legen sehr viel Gewicht auf Unternehmenskultur, Work-Life-Balance, Mitarbeiterrechte und interne Strukturen. In anderen Regionen erlebe ich oft einen stärkeren Fokus auf die konkrete Arbeit und auf das Ergebnis.
Für meine Branche ist dieses Verständnis wichtig. Wer mit Menschen aus verschiedenen Ländern arbeitet, muss lernen, dass Erwartungen nicht überall gleich funktionieren. Ein Kunde in Kanada denkt oft anders über Firmenkultur als ein Kunde aus einem östlicher geprägten Markt. Beides muss ernst genommen werden, wenn man wirklich helfen möchte.
Genau diese Unterschiede machen die Arbeit anspruchsvoll. Sie machen sie aber auch interessant. Man lernt, nicht nur eine Dienstleistung zu verkaufen, sondern Situationen sauber zu lesen.
Routine, Fokus und die Monate, die andere liegen lassen
Mein Verhältnis zu Routine ist gemischt. Es gibt Phasen, in denen feste Abläufe mir helfen. Es gibt auch Zeiten, in denen ich mehr Freiheit brauche, um auf Trends, Ziele und die aktuelle Situation der Firma zu reagieren.
Besonders wichtig ist für mich der Sommer. Viele Menschen werden in dieser Zeit langsamer. Sie reisen, nehmen Abstand und verschieben berufliche Themen. Für mich sind diese Monate eine Möglichkeit, mehrere Schritte vorauszugehen. Wenn andere drei Monate verlieren, kann man in genau dieser Zeit viel aufbauen.
Ich erstelle Pläne und halte sie nicht immer perfekt ein. Zeitmanagement ist weiterhin ein Thema, an dem ich arbeiten muss. Trotzdem hilft mir der Gedanke, jeden Tag ein Stück besser zu werden. Nicht auf eine idealistische Art, sondern sehr praktisch. Kleine Fortschritte summieren sich, wenn man sie lange genug ernst nimmt.
Kunden, Klarheit und der Preis von Objektivität
Manchmal werde ich als arrogant wahrgenommen. Aus meiner Sicht hat das oft mit Objektivität zu tun. Ich versuche, klar zu sein, weil es am Ende besser dient als People Pleasing. Gerade im Umgang mit Kunden braucht es Ehrlichkeit, Prioritäten und manchmal auch eine Entscheidung, wer wirklich die richtige Zusammenarbeit ist.
In den letzten Monaten habe ich gelernt, dass man seine Kunden bewusst wählen sollte. Nicht jeder Kunde ist der passende Kunde. Wenn man Verträge, Anwälte, verschiedene Zeitzonen, ein Team und mehrere Märkte gleichzeitig steuert, kann man nicht jede Erwartung persönlich auffangen. Man muss delegieren und erklären, warum etwas an eine andere Person weitergegeben wird.
Klarheit ist manchmal unbequem. Langfristig ist sie fairer als ein freundliches Ja, das die Arbeit später schwächer macht.
Erfolg als Potenzial
Erfolg ist für mich kein Begriff, den ich abschliessend definiert habe. Es gibt aber ein Bild, das mich begleitet. Es heisst, man soll zwei Versionen von sich stolz machen: das siebenjährige Ich und das achtzigjährige Ich. An diesen beiden Versionen orientiere ich mich oft.
Eine meiner grössten Ängste ist, mein Potenzial nicht auszuschöpfen. Verantwortung, Freiheit und Familie spielen alle eine Rolle. Doch die treibende Kraft beginnt auch bei einem selbst. Wenn ich selbst nicht funktioniere, funktioniert die Firma nicht richtig. Dann leiden auch Beziehungen, Familie und Team.
Es macht mich stolz, wenn meine Mutter mir Videos zeigt und sagt, dass sie gern an einen bestimmten Ort reisen möchte. Solche Momente bedeuten viel. Noch stärker ist aber das Gefühl, eine Version von mir wachsen zu sehen, die früher nur als Möglichkeit existierte.
Ghost Consulting und der nächste Schritt
Heute baue ich mit Ghost Consulting ein Unternehmen auf, das sich mit Bildung, Employment, Relocation, Karriere und beruflicher Orientierung beschäftigt. Wir arbeiten global und schauen auf verschiedene Märkte, darunter den Westen, Europa, Westafrika und Nordamerika.
Ein grosses aktuelles Projekt ist die Weiterentwicklung des Unternehmens in Richtung B2B-Wachstum und B2C-Impact. Auf der einen Seite geht es darum, mit Organisationen und Strukturen zu wachsen. Auf der anderen Seite soll die Wirkung beim einzelnen Menschen spürbar bleiben.
Besonders freue ich mich auf das Canada Career Program. Ziel ist es, in diesem Bereich eine starke Marke aufzubauen. Wenn jemand an Karriere, Employment oder den nächsten beruflichen Schritt in Kanada denkt, soll Ghost Consulting eine der ersten Adressen sein.
Springen lernen
Vor Ghost Consulting war ich Mitinhaberin einer anderen Firma. Nach ungefähr zwei Jahren unterschrieb ich meinen Rücktritt. Diese Erfahrung war schwer, und für einen Moment wollte ich nicht mehr in diesen Bereich zurück. Der Grund, warum ich doch weitergemacht habe, waren die Kunden. Sie empfahlen weiterhin Menschen an mich. Dadurch entstand der Impuls, eine eigene Beratungsfirma aufzubauen.
Ich bereue diesen Weg nicht. Die schwierigen Phasen haben mir gezeigt, welche Wirkung meine Arbeit haben kann. Ohne diese vorherige Erfahrung hätte ich vielleicht nie verstanden, dass mein eigener Weg durch verschiedene Firmen auch anderen Menschen helfen kann.
Ziele darf man nicht zu tief ansetzen. Man muss springen.
Das ist der Rat, den ich anderen mitgeben würde. Man sollte die eigene Situation realistisch sehen und gleichzeitig nicht zu klein denken. Die klassische Karriereleiter dauert oft zu lange. Manchmal muss man wie ein Grashüpfer springen, weil die Zeit sonst vergeht, bevor man überhaupt dort ankommt, wo man leben möchte.
Das Unbekannte schreckt mich dabei nicht ab. Es reizt mich. Wenn eine Option sicher wirkt und ich ungefähr weiss, wie sie endet, zieht mich oft die andere Möglichkeit stärker an. Die, bei der ich nicht weiss, ob es zuerst nach oben, nach unten oder über Umwege geht.
Vielleicht wird die Elena mit fünfunddreissig, vierzig oder fünfzig Jahren besser wissen, wie weit dieser Weg tragen kann. Für heute reicht mir, dass ich weitergehe und die Antwort Schritt für Schritt erarbeite.




