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Justin Murray: Der Wert hinter dem Handwerk

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7 min

Bevor mein Weg ins Hairdressing führte, stand zuerst ein ganz anderer Beruf im Raum. Ich mochte Tiere, wollte einmal Tierarzt werden und merkte früh, dass ein klassischer Schulweg für mich schwer greifbar war. Was mich wirklich anzog, war Ausdruck. Energie. Die Art, wie ein Mensch durch Stil, Präsenz und Haltung anders wahrgenommen werden kann.

Ich wuchs in einem kleinen, eher konservativen Umfeld auf. Viele Dinge wirkten klar geregelt. Umso stärker blieb mir ein Moment aus dem Jahr 2008 im Kopf. Ich sah eine Tanzcrew mit Bewegung, Farben, ungewöhnlichen Frisuren und einer Selbstverständlichkeit, die ich aus meinem Alltag kaum kannte. Später landete ich auf YouTube bei Quest Crew. Einer aus der Gruppe erzählte, dass er Coiffeur war und die Haare der Crew machte. In diesem Moment bekam meine Neugier eine Richtung.

Hairdressing verband für mich mehrere Dinge auf einmal. Es war handwerklich, kreativ und menschlich. Man arbeitet mit den Händen und gleichzeitig mit Erwartungen, Selbstbild, Geschmack und Vertrauen. Diese Mischung machte den Beruf für mich spannend. Es gab damals keinen grossen Plan. Es gab nur das Gefühl, dass dieser Weg näher an mir war als viele andere Optionen.

Ein früher Bruch als Korrektur

Meine Eltern wollten, dass ich mehrere Möglichkeiten prüfe. Aus ihrer Sicht war das verständlich. Ein kreativer Beruf wirkt von aussen oft unsicherer als ein klassischer Ausbildungsweg. Für mich war die Entscheidung trotzdem früh klar. Ich unterschrieb meine Lehrstelle bereits am Ende der achten Klasse. Das neunte Schuljahr nahm ich entsprechend lockerer, als es rückblickend sinnvoll gewesen wäre.

In der zweiten Woche der Ausbildung wurde ich entlassen. Damals fühlte sich das hart an. Später wurde mir klar, dass dieser Moment wichtig war. Der Salon, in dem ich danach landete, brachte mich in eine Umgebung, die besser zu meiner Entwicklung passte. Manchmal wirkt ein Rückschlag wie ein Ende. Mit etwas Abstand zeigt sich, dass er eine Richtung korrigiert.

Ein früher Fehler kann viel klären, sobald man daraus eine bessere Entscheidung macht.

Amsterdam und die erste echte Markterfahrung

Nach der Lehre ging ich für ein Jahr nach Amsterdam. Die Stadt war intensiv, teuer und schnell. Ich merkte sehr bald, dass mein Einkommen kaum ausreichte, um dort entspannt zu leben. Also suchte ich nach einem direkten Weg, meine Dienstleistung anzubieten. Ich schrieb einen einfachen Post auf Reddit und bot Haarschnitte an.

Am nächsten Tag kamen so viele Anfragen, dass ich zum ersten Mal wirklich verstand, was Eigenständigkeit bedeuten kann. Ich musste auf niemanden warten. Ich konnte mein Angebot sichtbar machen, direkt mit Menschen sprechen und aus meiner eigenen Arbeit Nachfrage erzeugen. Diese Erfahrung war für mich ein Wendepunkt.

Daraus entstand ein Learning, das mich bis heute begleitet. Sichtbarkeit ist kein theoretisches Marketingthema. Sichtbarkeit beginnt dort, wo man den Mut hat, ein Angebot in den Markt zu stellen und eine Reaktion auszuhalten. Der Markt gibt schnell Feedback. Man muss nur bereit sein, hinzusehen.

Der Wert liegt im Erlebnis

Mit der Zeit wurde mir immer klarer, dass ein guter Haarschnitt die Grundlage ist. Die eigentliche Bindung entsteht über das Erlebnis. Menschen sitzen oft eine bis drei Stunden auf dem Stuhl. In dieser Zeit entsteht ein Raum, in dem sie gehört werden, sich erklären können und spüren, dass jemand wirklich aufmerksam ist.

Für mich ist Service deshalb kein Zusatz zur Arbeit. Service ist ein Teil des Handwerks. Die Technik muss stimmen. Die Form muss stimmen. Die Beratung muss stimmen. Gleichzeitig zählt, ob der Mensch sich verstanden fühlt. Viele Coiffeure können fachlich sehr gut arbeiten. Die Frage ist, weshalb jemand zurückkommt.

Diese Frage hat meine Arbeitsweise geprägt. Ich versuche zu verstehen, was ein Kunde sucht, welches Gefühl er mitbringt und welches Ergebnis für ihn wirklich Sinn macht. Ein Haarschnitt verändert äusserlich etwas Sichtbares. Im besten Fall verändert er auch, wie jemand aus dem Salon hinausgeht.

Die Technik bringt den Kunden in den Salon. Das Erlebnis entscheidet, ob er wiederkommt.

Arbeit braucht Energie und Haltung

Über die Jahre hat sich meine Vorbereitung verändert. Früher lag der Fokus stärker auf der Ausführung. Heute achte ich mehr auf die Haltung, mit der ich arbeite. Wer täglich mit Menschen arbeitet, muss wissen, welche Energie er mitbringt und wie er sie in die Arbeit übersetzt.

Musik, gute Gespräche und Momente, die mich innerlich aufladen, spielen dabei eine Rolle. Das klingt zuerst simpel. In einem Beruf mit engem Kundenkontakt macht es einen Unterschied. Präsenz ist spürbar. Kunden merken, ob jemand nur einen Termin abarbeitet oder wirklich bei der Sache ist.

Diese Präsenz entsteht durch Reflexion. Man muss verstehen, was einem guttut, was einen belastet und wie man trotzdem konstant Qualität liefert. Das ist für mich ein grosser Teil von Professionalität. Es reicht selten, fachlich stark zu sein. Man braucht auch die Fähigkeit, den eigenen Zustand zu führen.

Selbstständigkeit ist Verantwortung

Viele stellen sich Selbstständigkeit als Freiheit vor. Freie Zeiten, eigene Entscheidungen, mehr Kontrolle. In der Praxis bedeutet sie vor allem Verantwortung. Es gibt immer etwas zu erledigen. Hygiene, Planung, Administration, Kommunikation, Optimierung, Kundenpflege, Weiterentwicklung. Sobald man ernsthaft für sich selbst arbeitet, wird der eigentliche Service nur ein Teil des Ganzen.

Dieses Bewusstsein kam Schritt für Schritt. Die Arbeit am Kunden bleibt der Kern. Rundherum entsteht ein Geschäft. Dieses Geschäft braucht Struktur. Es braucht Menschen, denen man vertrauen kann. Es braucht Dienstleister für Themen, die man selbst abgeben sollte, damit die eigene Energie am richtigen Ort bleibt.

Erfolg bedeutet für mich deshalb, genügend Klarheit und Ressourcen zu schaffen, um mich auf das Wesentliche konzentrieren zu können. Geld ist dabei ein Werkzeug. Es hilft, Aufgaben sauber zu verteilen und die eigene Qualität zu schützen. Der eigentliche Erfolg liegt darin, die Reise weiter gestalten zu können.

Nähe, Führung und klare Rollen

Ein wichtiges Learning kam über Zusammenarbeit. In kreativen Berufen entstehen schnell persönliche Beziehungen. Man arbeitet eng zusammen, versteht sich gut, baut Vertrauen auf. Gleichzeitig braucht ein professionelles Umfeld klare Rollen. Die Art, wie man mit einem Freund spricht, unterscheidet sich von der Art, wie man eine berufliche Verantwortung führt. Diese Trennung muss man lernen. Persönliche Nähe kann eine Stärke sein, solange sie die Arbeit trägt. Sobald Ziele, Erwartungen oder Verantwortung unklar werden, braucht es Führung. Führung heisst für mich, den gemeinsamen Rahmen sauber zu halten und trotzdem menschlich zu bleiben.

Das ist leichter gesagt als getan. Gerade junge Unternehmer lernen oft erst durch Erfahrung, wie schnell persönliche und professionelle Ebenen ineinanderlaufen. Heute sehe ich klarer, wie wichtig es ist, Erwartungen früh auszusprechen und Menschen dort einzusetzen, wo beide Seiten wirklich wachsen können.

Wachstum braucht Struktur

Die letzten Monate haben gezeigt, wie schnell sich ein Geschäft entwickeln kann, sobald Kundenfeedback, Nachfrage und Qualität zusammenkommen. Wachstum klingt von aussen oft nach Erfolg. Im Alltag bedeutet es zuerst neue Fragen. Wie bleibt die Qualität stabil? Wie bleibt die Kundenerfahrung persönlich? Wie baut man Strukturen, ohne den Kern der Arbeit zu verlieren?

Genau dort liegt für mich die nächste Phase. Es geht darum, das, was funktioniert, bewusster zu machen. Kundenbindung, positive Rückmeldungen und Vertrauen sollen nicht vom Zufall abhängen. Sie brauchen Systeme, ohne kalt zu wirken. Sie brauchen Wiederholbarkeit, ohne die Persönlichkeit aus der Arbeit zu nehmen. Das ist vielleicht eine der grössten Aufgaben in jedem kreativen Geschäft. Man wächst aus einer persönlichen Leistung heraus. Irgendwann muss diese Leistung tragfähig werden, damit sie auch bei mehr Nachfrage dieselbe Qualität behalten kann.

Was bleibt

Rückblickend sehe ich keinen geraden Karriereweg. Ich sehe einzelne Entscheidungen, frühe Fehler, gute Begegnungen und viele kleine Momente, in denen ich gelernt habe, meiner Arbeit mehr Bedeutung zu geben. Hairdressing wurde für mich ein Weg, um Handwerk, Service und Menschenverständnis miteinander zu verbinden.

Der wichtigste Rat an mein früheres Ich wäre, konsequenter sichtbar zu werden. Mehr Gesicht zeigen. Mehr Vertrauen in die eigene Arbeit haben. Früher habe ich lange gezögert, mich selbst stärker in den Vordergrund zu stellen. Heute weiss ich, dass Menschen nicht nur eine Leistung buchen. Sie buchen auch Vertrauen, Haltung und die Person dahinter.

Am Ende geht es für mich darum, die Reise ernst zu nehmen. Wer sich nur am Ziel orientiert, verliert schnell die Energie für den Alltag. Wer die Arbeit selbst lieben lernt, hat eine andere Grundlage. Dann wird Erfolg weniger zu einem Punkt, den man irgendwann erreicht. Er wird zu einer Konsequenz aus vielen Tagen, an denen man sauber arbeitet, zuhört und weitergeht.

Verliebe dich in die Reise. Die Ziele kommen mit der Zeit.

Community-Frage

Welche schwierige Phase hast du durchgestanden, und worauf bist du heute stolz, weil du es überwunden hast?

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