Die Kamera als Schlüssel zur Freiheit
Freiheit war für mich nie ein abstraktes Wort. Sie war eher ein Gefühl, nach dem ich mich schon früh orientiert habe. In der Schule, in der Lehrstelle und in vielen klar vorgegebenen Bahnen merkte ich, dass ich mich selten wirklich passend fühlte. Ich war grundsätzlich nicht gegen Struktur, aber ich spürte, dass mein Weg anders funktionieren musste.
Fotografie wurde irgendwann der erste konkrete Ausdruck davon. Eine Kamera war für mich nicht einfach ein Gerät, mit dem man Bilder macht. Sie war ein Zugang. Zu Menschen, zu Räumen, zu Momenten und zu einer Art von Leben, in der ich selbst entscheiden konnte, wohin ich mich bewege.
Heute arbeite ich seit rund dreizehn Jahren als Fotograf in Zürich. Mein Schwerpunkt liegt auf Peoplefotografie, Fashion, Studioarbeit und zunehmend auf Produkt- und E-Commerce-Fotografie für Brands. Ich bin outdoor unterwegs, aber mein eigentliches Zuhause ist das Studio. Dort entstehen viele meiner Arbeiten. Dort merke ich auch immer wieder, dass Fotografie für mich mehr ist als ein Beruf.
Für mich war jeder Schritt, den ich gemacht habe, ein Schritt in Richtung Freiheit.
Der Anfang im Kinderzimmer
Angefangen hat vieles sehr einfach. Ich hatte meinen ersten Job gekündigt, die Schule hinter mir und keine klare Antwort darauf, wie es weitergehen sollte. Meine Mutter sagte mir damals sinngemäss, ich solle etwas machen. Nicht stehen bleiben. Nicht warten, bis sich von selbst ein Weg zeigt. Kameras hatten mich schon länger interessiert. Mich faszinierte, dass man mit einem Bild etwas festhalten kann, das im nächsten Moment wieder verschwunden ist. Menschen, Stimmungen, Licht, Räume, kleine Details. Ich mochte diesen Gedanken, durch eine Kamera genauer hinzuschauen und gleichzeitig Zugang zu Orten zu bekommen, an denen man sonst vielleicht nur Zuschauer bleibt. Also wünschte ich mir eine Kamera und begann, damit herumzuprobieren.
Der erste praktische Kontakt kam über Clubs. Ich ging hin, fotografierte und merkte schnell, dass mir diese Welt liegt. Dort passierte viel gleichzeitig. Bewegung, Musik, Gesichter, Licht, Energie. Es war chaotisch, direkt und lebendig. Für mich war das eine gute Schule, weil man schnell reagieren musste und trotzdem ein Gefühl für den Moment entwickeln konnte. Aus diesem ersten Ausprobieren entstand langsam der Wunsch, Fotografie ernster zu nehmen. Kurz darauf suchte ich eine Lehrstelle in diesem Bereich und fand zum Glück einen Platz in einem Fotostudio. Dort absolvierte ich ein Jahr lang meine Ausbildung und nahm zwei Abschlüsse mit. Danach ging ich direkt in die Selbstständigkeit.
Eine Ausbildung gibt dir Grundlagen. Den eigenen Weg musst du trotzdem selbst suchen.
Erwachsen werden und gleichzeitig ein Business bauen
Eine der grössten Herausforderungen war für mich, erwachsen zu werden, während ich gleichzeitig ein Business aufbaute. Viele Kreative beginnen jung. Man entwickelt sich persönlich, macht Fehler, verändert sich, lernt über Menschen, Geld, Grenzen und Verantwortung. Gleichzeitig wächst das Business mit. Diese beiden Entwicklungen laufen parallel, und das ist anspruchsvoll.
Gerade am Anfang bringt dir niemand wirklich bei, was du wert bist. Kunden möchten verständlicherweise möglichst günstig einkaufen. Als Kreativer musst du lernen, einen Preis zu nennen, der wirtschaftlich Sinn macht und sich gleichzeitig sauber anfühlt. Diese Balance ist schwer. Selbst Menschen, die seit zehn, fünfzehn oder dreissig Jahren in der Branche sind, haben darauf keine perfekte Formel. Vieles bleibt Trial and Error.
Ich habe mich am Anfang oft unter Wert verkauft. Das gehört für viele dazu, aber es darf kein Dauerzustand werden. Eine wichtige Erkenntnis war für mich, dass Qualität sich erst durchsetzen kann, wenn Menschen sie überhaupt sehen. Wer sich darauf verlässt, dass gute Arbeit von allein gefunden wird, macht es sich zu einfach. Gute Arbeit braucht Sichtbarkeit, Wiederholung, Netzwerk und den Mut, Angebote klar auszusprechen.
Der Wendepunkt, der keiner war
Lange stellt man sich vor, dass irgendwann der grosse Durchbruch kommt. Der Moment, nach dem alles leichter wird. Man denkt, dann habe ich mein Portfolio, dann habe ich die richtigen Referenzen, dann kommen die Kunden von selbst. Mit der Zeit merkt man, dass dieser Punkt in dieser Form kaum existiert. Oft werden die Probleme grösser, je weiter man kommt.
Das war für mich ein wichtiger Wendepunkt. Ich konnte mich nicht auf zehn Jahre Arbeit ausruhen. Ich konnte nicht davon ausgehen, dass Erfahrung automatisch Sicherheit bringt. Der Hustle geht weiter. Es gibt Momente, in denen du dankbar bist, dass du dein eigenes Leben gestalten kannst. Dann gibt es wieder Tage, an denen du merkst, dass du erneut loslaufen musst, obwohl du dachtest, du seist längst angekommen.
Es gibt keinen Punkt, an dem alles erledigt ist. Je höher du kommst, desto grösser werden die Probleme.
Schwankungen aushalten lernen
Zur Realität der Selbstständigkeit gehört, dass nicht jeder Monat gleich aussieht. In kreativen Berufen gibt es Phasen, in denen viel gleichzeitig passiert, und Phasen, in denen man sehr bewusst planen muss. Von aussen wirkt vieles oft stabiler, als es im Alltag tatsächlich ist. Innen bedeutet Selbstständigkeit, mit Schwankungen umgehen zu können, ohne jede Situation sofort persönlich zu nehmen.
Mit den Jahren lernt man, solche Momente nüchterner zu betrachten. Wenn ein Monat schwierig ist, heisst das nicht automatisch, dass der ganze Weg falsch ist. Wenn ein Monat besonders gut läuft, heisst das auch nicht, dass man sich ausruhen kann. Beides gehört dazu. Entscheidend ist, ruhig zu bleiben, Muster zu erkennen und weiter an den eigenen Grundlagen zu arbeiten.
In eine über dekade lang karriere, entwickelt man ein anderes Vertrauen in den eigenen Weg. Man weiss, dass schwierige Phasen kommen können, aber auch, dass sich wieder neue Möglichkeiten öffnen, wenn man oben nicht aufgibt. Schritt für Schritt zu wachsen ist für mich deshalb wichtiger als zu grosse Sprünge mit zu viel Risiko. Fehler gehören dazu. Besser ist es, früh aus kleinen Fehlern zu lernen, bevor sie später zu gross werden.
Ein Studio als Raum für Sicherheit
Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass viele Fotografen im Studio unsicher sind. Viele arbeiten lieber outdoor, weil sie dort Abstand haben, sich freier fühlen und weniger technische Verantwortung spüren. Im Studio ist man näher dran. Licht, Setup, Raum, Modell, Kunde, alles ist sichtbarer. Genau dort entstehen aber auch Chancen. Daraus entstand die Idee einer regelmässigen Studio-Membership. Fotografen können Studiozeit reservieren und bekommen gleichzeitig Community dazu. Es geht darum, im Studio sicherer zu werden, sich auszutauschen und voneinander zu lernen. Wenn daraus Business entsteht, umso besser. Der eigentliche Kern liegt für mich aber darin, Menschen im Raum zu begleiten. Ich frage die Leute, was sie vorhaben, mit wem sie arbeiten, welches Bild sie erreichen wollen. Ich erkläre, stelle Licht auf, begleite und gebe Sicherheit. Wenn diese Sicherheit da ist, beginnt der Spass. Viele Studios geben dir einfach den Raum. Ich möchte, dass Menschen dort auch wachsen.
Nicht alles selbst machen
Ein geschäftlicher Wendepunkt war für mich, weniger durch die eigenen Hände erzwingen zu wollen. Wenn du glaubst, alles müsse durch dich laufen, kommst du irgendwann nicht mehr weiter. Outsourcing, Automatisierung und ein anderer Blick auf Dringlichkeit verändern viel. Nicht alles, was laut ist, ist auch wichtig. Nicht alles, was wichtig wirkt, muss von dir persönlich erledigt werden.
Gerade als Fotograf mit einem eigenen Stil ist das schwierig. Oft sieht man dich als Person, deine Handschrift, deine Art mit Menschen zu arbeiten. Trotzdem musst du Bereiche finden, in denen Skalierung möglich wird. Das beginnt bei Workflows, bei Prozessen, bei Vorbereitung, bei Technik und bei Menschen, die bestimmte Aufgaben besser oder schneller übernehmen können. Das gibt Lebensqualität und schafft Raum für die Arbeit, die wirklich deine Energie braucht.
In meinem Alltag hat Technologie viel verändert. Workflows sind heute stärker digital und teilweise KI-gestützt. Im Studio haben Programme wie Capture One und Tethering meine Arbeit schneller und professioneller gemacht. Wenn der Kunde das Bild direkt gross sieht, entsteht Sicherheit. Wenn der Workflow sauber ist, entsteht Vertrauen. Für mich gehört das zur Professionalität.
Mit Tiefpunkten umgehen
Als Kreativer muss man lernen, emotionale Abhängigkeit vom Business zu reduzieren. Wenn es läuft und du glücklich bist, aber sofort zusammenbrichst, sobald es schlecht läuft, bist du nicht frei. Für jemanden, der Freiheit als zentrales Motiv hat, ist das ein Widerspruch. Dankbarkeit in guten und schlechten Zeiten ist für mich deshalb eine Übung.
Wenn es schlecht läuft, braucht man ein paar klare Bewegungen, die einen aus dem Loch holen. Das können kleine Aufträge sein, schnelle Einnahmen oder bekannte Muster, mit denen man kurzfristig Luft gewinnt. Danach muss man aus der Situation heraustreten und nüchtern analysieren, was wirklich passiert ist. Solange man mitten im Stress steckt, ist man voreingenommen. Von aussen betrachtet ist vieles weniger schlimm, als es sich im Moment anfühlt.
Ich bin mehr als mein Business. Wenn ich das trennen kann, bleibe ich freier.
Diese Haltung entsteht durch Erfahrung. Beim ersten Mal erschrickt dich jedes Hupen. Beim dreissigsten Mal erkennst du das Muster. Wenn ein Weg fünf Jahre lang funktioniert hat, gibt es meistens auch beim nächsten Tief wieder einen Weg hinaus. Das nimmt den Druck nicht weg, aber es verändert den Umgang damit.
Kreativität braucht Abstand
Kreative Blockaden löse ich meistens mit Abstand. Wenn man zu lange zu hart fotografiert, ist der Kopf irgendwann voll. Dann helfen einfache Dinge. Ein Wochenende mit der Familie in den Bergen, Sport, weniger Screen Time, ein Moment am Fenster. Heute füllen viele Menschen ihr Gehirn pausenlos mit Input. Dabei entstehen Ideen oft erst, wenn kurz nichts passiert.
Niemand sitzt heute gern fünfzehn Minuten am Fenster und schaut einfach hinaus. Genau solche Momente sind aber wertvoll. Sobald der Kopf wieder frei wird, kommt oft auch die Motivation zurück. Man sieht etwas, bekommt einen Impuls und merkt, dass man wieder gestalten will. Genauso wichtig ist es, mit Menschen zu sprechen. Viele im Business haben das Gefühl, sie müssten alles können, alles wissen und jederzeit abrufen. Das geht auf Dauer kaum. Freunde und Familie sehen manchmal Dinge, die man selbst übersieht. Gerade in schwierigen Phasen liegen die einfachsten Tools oft direkt vor einem. Man erkennt sie nur nicht.
Schweiz, Ausland und der Umgang mit Geld
Durch internationale Arbeiten habe ich grosse Unterschiede in der kreativen Branche gesehen. Gerade im Kosovo, einem jungen Land im Aufbau, sind Kreativität, Qualitätsanspruch und Möglichkeiten beeindruckend. Die Workflows können chaotisch sein, aber die Resultate sind oft stark. Mit weniger Budget wird manchmal sehr viel möglich gemacht. Daraus kann man lernen.
In der Schweiz ist vieles kontrollierter. Man überlegt lange, plant viel und redet ungern offen über Geld. Dabei liegt genau dort ein grosses Problem. International erlebe ich oft, dass Menschen bewusster verstehen, dass gute Arbeit kostet. Sie bezahlen stärker für Resultate. In der Schweiz wird häufig Zeit bezahlt, und Effizienz wirkt fast wie ein Nachteil. Wenn du schneller und besser arbeitest, wird trotzdem verhandelt, als wäre der Aufwand der einzige Wert.
Für Kreative ist Liquidität ein grosses Thema. Viele haben Aufträge, viele haben Potenzial, aber Geld bewegt sich zu langsam. Deshalb sind klare Buchungsregeln wichtig. Wenn jemand bei mir bucht, geht es um reservierte Zeit, Vertrauen und Verbindlichkeit. Wenn Geld sich bewegt, können Menschen zusammenarbeiten, auslagern, investieren und wachsen. Wenn jeder alles selbst macht, bleibt vieles stehen.
E-Commerce, Fashion und der nächste Schritt
Für die Zukunft nehme ich vieles, wie es kommt. Ich habe persönliche Ziele, aber ich weiss auch, dass Pläne sich verändern. Besonders spannend finde ich aktuell alles im Bereich E-Commerce. Auf den ersten Blick wirkt Produktfotografie für Onlineshops simpel. In Wahrheit steckt darin sehr viel Technik, Präzision und Prozessarbeit. Fashion-E-Commerce verbindet für mich mehrere Welten. Ich kann mit Models, Make-up Artists, Creative Directors, Produkten und Brands arbeiten. Gleichzeitig entsteht etwas, das der Kunde wirklich benutzt. Das erfüllt mich. Wenn ich sehe, dass meine Arbeit auf einer Website steht, verkauft, Vertrauen schafft und einen praktischen Nutzen hat, dann weiss ich am Ende des Tages, dass ich gute Arbeit gemacht habe. Diesen Bereich möchte ich weiter ausbauen. Es kommen immer mehr Brands, die genau diese Art von Arbeit brauchen. In der Schweiz sehe ich dafür eine klare Nische. Es geht um saubere Prozesse, starke Bilder und um den Anspruch, etwas scheinbar Einfaches sehr gut zu machen.
Was ich meinem jüngeren Ich sagen würde
Wenn ich heute auf mein jüngeres Ich zurückblicke, würde ich zuerst sagen: Du bist gut, wie du bist. Gerade in jungen Jahren hat man oft das Bedürfnis, anders zu sein oder sich an anderen zu orientieren. Man sieht Menschen, die weiter scheinen, lauter sind oder sicherer auftreten. Mit der Zeit versteht man, dass der eigene Weg nicht wertvoller wird, wenn man jemand anderes imitiert. Ich würde mir auch sagen, langsamer zu gehen. Das klingt einfach, aber es ist schwer, wenn Erfolg, Geld und Aufmerksamkeit kommen. Man kann schnell das Gefühl bekommen, besser zu sein als andere. Deshalb ist Demut wichtig. Man sollte sich immer wieder selbst daran erinnern, woher man kommt, was man noch lernen muss und weshalb Menschen um einen herum wichtig bleiben.
Der letzte Punkt wäre: Isoliere dich nicht. Ich habe mich oft versteckt, manchmal aus Druck, manchmal aus Unsicherheit, manchmal aus Social Anxiety. Für Kreative ist es leicht, sich im Atelier einzuschliessen und nur noch für sich zu arbeiten. Aber man lebt nur einmal. Geh raus, triff Menschen, bewege dich, rede, verbinde dich. Kreativität braucht Kontakt zur Welt.
Der kleine Hebel
Heute interessiert mich besonders, welche kleinen Hebel in einem Unternehmen alles verändern können. Oft sind es keine grossen Strategien, sondern blinde Flecken, über die man zufällig stolpert. Ein Workflow, ein Preis, ein Angebot, ein Tool, eine Person oder eine Entscheidung, die zuerst unscheinbar wirkt und später den ganzen Weg verschiebt.
Für mich war Fotografie immer ein Weg in Richtung Freiheit. Diese Freiheit besteht darin, sich immer wieder bewegen zu können. Weiterzulernen. Dinge abzugeben. Menschen mitzunehmen. Und an den Tagen, an denen es eng wird, ruhig genug zu bleiben, um den nächsten Schritt zu sehen.




