Justin Murray: Der Wert hinter dem Handwerk

Bevor ich Coiffeur wurde, wollte ich Tierarzt werden. In der Schule kommt früh dieser Moment, in dem man plötzlich wissen soll, welchen Weg man einschlagen möchte. Ich liebte Tiere, aber akademisch war ich nie der klassische Schüler. Was mich wirklich anzog, war Ausdruck, Energie und die Möglichkeit, durch etwas Sichtbares ein Gefühl zu verändern.
Ich wuchs in einem konservativen kleinen Dorf mit rund 500 Menschen auf. Vieles war klar, ordentlich und vorhersehbar. Dann sah ich 2008 im Fernsehen America's Best Dance Crew. Da kamen Tänzer mit Farben, Bewegung, Präsenz und wilden Frisuren auf die Bühne. Für mich war das eine komplett andere Welt. Ich ging auf YouTube, suchte weiter und landete bei Quest Crew. Einer aus der Gruppe erzählte, dass er Coiffeur sei und die Haare der Crew mache. In diesem Moment hat etwas geklickt. Plötzlich gab es ein Bild für das, was mich interessierte. Es ging um Menschen, um persönlichen Kontakt, um Kreativität und um ein Handwerk, das man jeden Tag konkret ausführt. Ich wollte etwas machen, das Nähe und Gestaltung verbindet. Von da an gab es für mich kaum noch einen Plan B.
Ein Weg ausserhalb der klassischen Erwartung
Mein Vater war überzeugt, dass ich in den Verkauf gehen sollte. Er sah, dass ich gut mit Menschen umgehen konnte und meinte, daraus könne man etwas Skalierbares machen. Für mich fühlte sich dieser Weg trocken an. Ich zeichnete viel, mochte Anime, interessierte mich für Formen und Charaktere. Gleichzeitig wollte ich mit Menschen arbeiten. Als ich verstand, dass Hairdressing diese Welten verbinden kann, wurde aus einer Idee eine Richtung.
Meine Eltern wollten mich unterstützen, aber sie kannten diesen Weg nicht wirklich. Mein Vater hat einen PhD in Medizin, meine Mutter einen Master in Medizin. In ihrer Welt ging man an die Universität, hielt sich Optionen offen und folgte einem nachvollziehbaren System. Ich war der Erste in der Familie, der aus diesem klassischen Rahmen herausging. Es fehlte weniger an Unterstützung als an Verständnis für das Gebiet, in das ich gehen wollte.
Ich unterschrieb meine Lehrstelle bereits Ende der achten Klasse. Das neunte Schuljahr hätte eigentlich dazu gedient, genau diesen Schritt vorzubereiten. Stattdessen nahm ich es zu locker. In der zweiten Woche meiner Ausbildung wurde ich entlassen. Damals war das ein harter Moment. Rückblickend war es eine der besten Wendungen, die passieren konnten. Wäre ich dort geblieben, hätte ich den Salon und die Richtung, die mich später geprägt haben, wahrscheinlich nie gefunden.
Manchmal zeigt einem ein Bruch schneller, wo man wirklich hinmuss, als ein sauberer Plan es je könnte.
Amsterdam und der erste Beweis
Nach der Lehre ging ich für ein Jahr nach Amsterdam. Ich hatte eine Wohnung gefunden, was in Amsterdam schon fast ein eigenes Kapitel ist. Die Miete lag bei 650 Euro. Erst später merkte ich, wie knapp das Verhältnis zu meinem Lohn war. Ich verdiente ungefähr 1'100 Euro, ausgezahlt wurden etwa 950. Mehr als die Hälfte war allein durch die Miete weg.
Im ersten Monat wurde klar, dass ich so kaum leben konnte. Also schrieb ich auf Reddit in eine Amsterdam-Community, dass ich Haarschnitte für 25 Euro anbiete. Ich erwartete nicht viel. Am nächsten Tag hatte ich rund 80 Anfragen. Damit konnte ich meine Miete und mein Leben finanzieren. Dieser Moment veränderte mein Verständnis von Arbeit. Ich merkte, dass ich nicht vollständig von einem Arbeitgeber abhängig sein musste. Ich konnte mich sichtbar machen, mein Können anbieten und Menschen erreichen, die genau diese Dienstleistung wollten. Es war kein grosses Business-Konzept. Es war ein einfacher Schritt aus einer Notwendigkeit heraus. Genau darin lag der Beweis.
Der Wert entsteht im Erlebnis
Mit der Zeit wurde mir klar, dass mein Beruf viel mehr ist als Technik. Ein Haarschnitt muss gut sein, natürlich. Aber im gesamten Erlebnis trägt der Service einen sehr grossen Teil des Wertes. Für mich geht es darum zu verstehen, wonach ein Mensch sucht, weshalb er wiederkommt und was er auf dem Stuhl wirklich braucht.
Wenn ich meinen Kunden Fragen stelle, dann geschieht das aus echtem Interesse. Menschen sitzen eine bis drei Stunden bei mir. In dieser Zeit fühlen sie sich gehört. Ich weiss über manche Kunden Dinge, die sonst vielleicht nur ihr engster Kreis kennt. Diese Nähe ist ein Privileg. Sie gibt mir Energie und sie verändert die Verantwortung, die ich gegenüber meinem Handwerk habe.
In Amsterdam war der Rhythmus anders. Dort hatten wir teilweise 45 Minuten pro Service. In der Schweiz war ich an längere Zeiten gewöhnt, an mehr Raum für Beratung, Schnitt und Farbe. Der Unterschied zeigte mir, dass Qualität nicht nur über das Resultat sichtbar wird. Sie zeigt sich auch in der Fähigkeit, Menschen schnell zu lesen und trotzdem eine Verbindung aufzubauen.
Der Haarschnitt ist sichtbar. Der eigentliche Wert liegt oft in dem Moment, in dem sich jemand verstanden fühlt.
Traktion entsteht selten sauber geplant
In einem früheren Salon merkte ich, dass der Standard, den ich liefern wollte, nicht immer so übersetzt wurde, wie ich es mir vorgestellt hatte. Wenn ich die Erfahrung so gestalten konnte, wie ich sie für richtig hielt, kam mehr positives Feedback zurück. Die Menschen verliessen den Salon anders, als sie hineingekommen waren. Dieses Gefühl wurde zur Grundlage.
Später kamen weitere Schritte dazu. Wir gingen auf die Strasse, sprachen Menschen an und boten kostenlose Haarschnitte an. Es war eine einfache Social-Media-Idee. Gleichzeitig war es ein direkter Weg, um mit neuen Menschen in Kontakt zu kommen. Es funktionierte. Mehr Feedback kam online, mehr Buchungen kamen rein, und ich erkannte, dass ich neue Nachfrage selbst erzeugen konnte.
Im Business gibt es oft keine saubere Erzählung, die man von Anfang bis Ende planen kann. Man probiert, beobachtet und reagiert. Wenn etwas funktioniert, muss man bereit sein, es ernst zu nehmen und weiterzugehen. Diese Bereitschaft hat vieles verändert.
Arbeit als Zustand
Meine Arbeitsweise hat sich über die Jahre verändert. Heute geht es weniger um einzelne Methoden, mehr um einen Zustand. Ich muss wissen, welche Energie mir guttut und wie ich sie in meine Arbeit übertragen kann. Musik spielt dabei eine Rolle. Gespräche mit Menschen, die mir wichtig sind, ebenfalls. Es gibt Momente, in denen man sich mit etwas Grösserem verbunden fühlt. Wenn man dieses Gefühl am nächsten Tag in die Arbeit trägt, macht man vielleicht dieselbe Tätigkeit, aber mit einer anderen Perspektive.
Für mich bedeutet Disziplin deshalb auch Reflexion. Ich muss merken, was mich klarer macht, was mich aufbaut und was mich in die richtige Haltung bringt. Das Handwerk bleibt technisch. Aber die Art, wie ich auftrete, zuhöre und Energie weitergebe, hängt stark davon ab, wie bewusst ich mit mir selbst umgehe.
Freundschaft, Führung und Verantwortung
Eine der wichtigsten Lektionen kam durch Zusammenarbeit. Wenn jemand mit dir arbeitet, den du persönlich magst, kann die Grenze zwischen Freundschaft und Führung verschwimmen. Genau dort entstehen Probleme. Die Art, wie man mit einem Freund spricht, unterscheidet sich von der Art, wie man mit einem Mitarbeiter oder einer Person spricht, die an einem gemeinsamen professionellen Ziel beteiligt ist.
Ich musste lernen, professionell klarer zu werden. Es geht nicht darum, Menschen auszunutzen oder nur Leistung aus ihnen herauszuholen. Es geht darum zu verstehen, wohin jemand möchte und wie man gemeinsam so arbeitet, dass beide Seiten vorankommen. Wenn persönliche Gefühle und professionelle Erwartungen ineinanderlaufen, braucht es Führung. Das klingt in der Theorie einfach. In der Praxis ist es deutlich schwieriger.
Sobald aus Nähe Verantwortung entsteht, muss man lernen, klar zu bleiben, ohne den Menschen aus dem Blick zu verlieren.
Erfolg als Raum für das Wesentliche
Erfolg bedeutet für mich, mich in den Weg zu verlieben. Ziele passieren dann fast als Folge. Viele Menschen knüpfen Glück an eine bestimmte Zahl, an ein bestimmtes Einkommen oder an einen sichtbaren Status. Wenn man dort ankommt, entsteht oft direkt die nächste Leere. Für mich liegt Erfolg stärker in den kleinen Inseln des Tages, in denen ich merke, dass genau diese Arbeit mir Energie gibt.
Geld ist trotzdem wichtig. Ich sehe es als Werkzeug. Es erlaubt mir, Dinge abzugeben, die mich vom Wesentlichen wegziehen. Rechtliches, Buchhaltung, administrative Themen. Wenn ich vertrauenswürdige Menschen um mich habe, die diese Bereiche übernehmen, kann ich mich auf das konzentrieren, was ich wirklich machen möchte. Dieser Raum ist für mich ein grosser Teil von Erfolg.
Die letzten Monate haben mir gezeigt, dass sich ein Geschäft manchmal schneller entwickelt, als man es erwartet. Ich kann noch nicht alle Details teilen. Klar ist aber, dass die positive Rückmeldung der Kunden und die starke Entwicklung der letzten zwei Quartale neue Fragen aufwerfen. Mein Fokus liegt darauf, diese Entwicklung über die nächsten Jahre so zu gestalten, dass mehr Menschen von der gleichen Qualität profitieren können.
Gemeinschaft als Gegenmittel zum Alltag
Community bedeutet für mich vor allem Energie. Wenn man zu Weiterbildungen, Events oder Branchentreffen geht, merkt man sofort den Unterschied. Niemand muss dort sein. Die Menschen sind da, weil sie es wollen. Diese Freiwilligkeit verändert die Atmosphäre. Im Alltag steht man fünf Tage pro Woche hinter dem Stuhl. Man arbeitet, liefert, optimiert und bleibt irgendwann in der eigenen Routine hängen. Dann begegnet man Menschen, die aus echter Leidenschaft da sind, und erinnert sich wieder daran, weshalb man angefangen hat. Das kann die ganze Perspektive auf die Branche verschieben.
Ich würde jedem empfehlen, sich solche Räume zu suchen. Menschen, die ihr Handwerk ernst nehmen, bringen eine andere Form von Antrieb mit. Man muss sich von dieser Energie regelmässig berühren lassen, weil sie einen aus dem reinen Tagesgeschäft herausholt.
Der ehrliche Preis der Selbstständigkeit
Viele Menschen denken, selbstständig zu arbeiten bedeute automatisch mehr Freiheit. Aus meiner Sicht stimmt das nur bedingt. Wenn man es ernst meint, gibt es jeden Tag etwas zu tun. Wenn man sich zu wohl damit fühlt, nichts zu machen, übersieht man wahrscheinlich etwas. Es gibt immer Hygiene, Optimierung, Kommunikation, Organisation oder eine Entscheidung, die vorbereitet werden muss.
Die Arbeit im Salon ist nur ein Teil des Gesamtbildes. Dahinter liegen Buchhaltung, Planung, Kundenbindung, Prozesse, Verantwortung und die ständige Frage, wie man besser werden kann. Deshalb ist ein gutes Netzwerk wichtig. Man braucht Menschen, mit denen man sprechen kann, wenn eine schwierige Situation entsteht. Idealerweise sind das Menschen, die nicht direkt bei einem angestellt sind und mit Abstand auf die Sache schauen können. Wenn etwas zu bequem wird, ist es oft nur eine Frage der Zeit, bis es wieder unbequem wird. Das klingt hart, aber es ist eine hilfreiche Wahrheit. Selbstständigkeit belohnt Aufmerksamkeit. Wer wach bleibt, kann Probleme früher sehen und Chancen schneller nutzen.
Was bleibt
Wenn ich auf den Anfang zurückblicke, sehe ich keinen geraden Weg. Ich sehe ein konservatives Dorf, einen Moment vor dem Fernseher, eine Entlassung in der zweiten Woche, ein Jahr in Amsterdam, einen Reddit-Post, Kunden auf einem Stuhl und viele kleine Entscheidungen, die erst rückblickend Sinn ergeben.
Das Handwerk hat mir gezeigt, dass Wert nicht nur aus Können entsteht. Wert entsteht aus Aufmerksamkeit, Konsequenz und dem Mut, sich sichtbar zu machen. Es geht darum, Menschen so zu begegnen, dass sie sich selbst etwas klarer sehen. Genau dort liegt für mich der Kern meiner Arbeit.
Der Weg ist noch nicht fertig. Er wird sich weiter verändern, wahrscheinlich schneller als geplant. Aber solange die Arbeit Menschen bewegt, solange sie Vertrauen schafft und solange ich in diesem Prozess selbst wach bleibe, weiss ich, weshalb ich ihn gehe.



