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Alessio Awad: Freiheit beginnt mit Verantwortung

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Meine Geschichte beginnt nicht erst mit einem Autohaus, einer GmbH oder einem grösseren Geschäft. Der Ursprung liegt früher. Schon als Kind spürte ich, dass ich nicht dafür gemacht bin, mich einfach in jedes vorgegebene System einzufügen.

Ich bin in der Schweiz geboren. Mein Vater kommt aus dem Libanon, meine Mutter aus Italien. Aufgewachsen bin ich mit unterschiedlichen Kulturen, unterschiedlichen Werten und auch mit der Erfahrung, dass man sich im Leben seinen Platz manchmal selber schaffen muss. Schon früh merkte ich, dass ich Mühe hatte mit sehr strikten Regeln. In der Schule, bei der Arbeit oder allgemein in Strukturen, die keinen Raum liessen, Dinge zu hinterfragen.

Dinge, die mich interessierten, konnte ich mit grosser Energie verfolgen. Alles andere verlor für mich schnell an Bedeutung. Das war nicht immer einfach, aber es zeigte mir etwas Wichtiges über mich selbst. Wenn ich etwas aufbaue, muss es für mich Sinn machen. Es muss mit meiner Vorstellung übereinstimmen. Natürlich lebt man nie völlig losgelöst von anderen Menschen. Es gibt Beziehungen, Verpflichtungen und Kompromisse. Aber der innere Antrieb muss stimmen.

Der Moment, in dem eine Grenze klar wurde

Einen prägenden Moment erlebte ich in einem Ferienjob. Dort sah ich, wie ein Lehrmeister mit einem Lehrling umging. Der Umgang war respektlos. Für mich war in diesem Moment klar, dass ich nie Teil einer solchen Struktur werden möchte. Es war kein grosser dramatischer Wendepunkt. Eher ein leiser, klarer Entschluss. So wollte ich nicht arbeiten. So wollte ich nicht geführt werden. Und so wollte ich später auch selber niemanden behandeln.

Wenn ich etwas umsetze, muss es für mich Sinn machen. Es muss nicht nur äusserlich funktionieren, sondern innerlich stimmen.

Mein Vater war bereits in der Automobilbranche tätig. Es ging mir dabei am Anfang nicht nur um Autos. Mich faszinierte auch der Lebensstil, den ich bei ihm sah. Die Flexibilität. Die Art, wie er mit Menschen kommunizierte. Wie er verhandelte. Wie er Beziehungen aufbaute. Das prägte mich mehr als ein klassisches Lehrbuch es je gekonnt hätte.

Mit 3'000 Franken und einem Netzwerk

Mein Start war einfach. Ich hatte kein grosses Kapital, keine fertige Infrastruktur und keinen perfekten Plan. Es gab ein Auto aus dem Umfeld einer Pfarrei, das verkauft wurde. Daraus erhielt ich 3'000 Franken. Mit diesem Geld begann ich.

Finanziell war das keine grosse Unterstützung. Was ich von meinem Vater aber bekam, war etwas, das mindestens genauso wertvoll war. Ich sah, wie er mit Menschen sprach. Ich lernte, wie man verhandelt. Ich bekam Zugang zu Kontakten im Händlernetzwerk. In einer Branche wie dem Autohandel ist das entscheidend. Wer als kompletter Laie hineingeht, kann schnell ausgenutzt werden. Man muss die Materie verstehen. Man muss wissen, wie Preise gedrückt werden, wo Risiken liegen und wem man vertrauen kann.

In den ersten Jahren habe ich vor allem vermittelt. Ich kaufte nicht immer selbst ein Fahrzeug, sondern brachte Verkäufer und Händler zusammen. Manchmal verdiente ich weniger, als möglich gewesen wäre. Dafür hatte ich Geschwindigkeit. Ich musste nicht jedes Auto inserieren, Termine abwarten und auf einen Käufer hoffen. Ich konnte direkt handeln. So baute ich langsam Kapital, Erfahrung und Sicherheit auf.

Geld kann schnell verbraucht sein. Ein gutes Netzwerk, richtig genutzt, kann über Jahre tragen.

Vom Vermitteln zum Unternehmen

Am Anfang war vieles spontan. Ich suchte Autos, vermittelte sie weiter und lernte im Tun. Von Buchhaltung, Verkaufssystemen, Marketing oder klaren Prozessen wusste ich noch wenig. Es war viel Energie, viel Bewegung und viel Instinkt. Mit der Zeit veränderte sich die Arbeitsweise. Ich begann zu verstehen, dass ein gutes Geschäft nicht nur aus dem Kauf und Verkauf eines Autos besteht. Es geht um Präsentation, Vertrauen, Kommunikation und Effizienz. Wenn ich ein Auto vier oder fünf Mal zeigen muss, bis es verkauft ist, stellt sich die Frage, wie ich den Prozess besser machen kann. Wie präsentiere ich das Fahrzeug so, dass der richtige Kunde schneller entscheidet. Wie mache ich bessere Bilder. Wie steht das Auto da. Wie wirkt das Büro. Wie spreche ich. Wie gebe ich Sicherheit.

Heute ist daraus mehr geworden. Eine GmbH mit Standort, Mitarbeitenden, Garage, Service, Leasingmöglichkeiten, Versicherungen und mehreren Dienstleistungen rund um das Auto. Damit kamen auch mehr Verpflichtungen. Am Anfang war ich freier, heute trage ich mehr Verantwortung. Trotzdem macht mir genau diese Entwicklung Freude.

Wachstum beginnt im Kopf

Die grösseren Herausforderungen kamen nicht ganz am Anfang. Damals waren die Kosten klein und die Erwartungen überschaubar. Ich hatte wenig zu verlieren und konnte schnell handeln. Heute sind die Ansprüche höher. Die Summen sind grösser, die Verantwortung ist grösser, und damit wird auch der Druck anders.

Mit der Zeit lernte ich, dass jede Branche ihre eigenen Herausforderungen hat. Entscheidend ist, ob man bereit bleibt zu lernen. Früher waren 700 Franken Gewinn mit einem Auto ein grosses Erlebnis. Ein Telefonat, fünf Minuten, und es funktionierte. Heute sind die Dimensionen anders. Das liegt nicht daran, dass alles einfacher wurde. Es liegt daran, dass ich mich weiterentwickelt habe.

Solange 70 Prozent Freude da sind und 30 Prozent anstrengend bleiben, stimmt das Verhältnis für mich.

Es gibt Momente, in denen man sich fragt, ob man etwas anderes machen sollte. Das gehört dazu. Für mich bedeutet das aber nicht, dass man sofort alles wechseln muss. Man darf sich weiterentwickeln, offen bleiben und gleichzeitig anerkennen, dass sich Lebensphasen verändern. Nichts muss erzwungen werden. Solange es Sinn macht und Freude trägt, gehe ich den Weg weiter.

Verkaufen heisst Vertrauen aufbauen

Im Autohandel geht es sehr schnell um Vertrauen. Der Kunde muss spüren, dass er nicht allein gelassen wird. Er muss wissen, dass die wichtigen Themen abgedeckt sind. Fahrzeug, Finanzierung, Versicherung, Service, Beratung. Alles soll so einfach wie möglich sein.

Ein Auto zu verkaufen bedeutet für mich nicht, möglichst schnell einen Abschluss zu machen. Es bedeutet, die Bedürfnisse des Kunden zu verstehen und eine Lösung zu finden, die passt. Wenn man anderen gibt, was sie wirklich brauchen, entstehen die eigenen Ergebnisse danach fast automatisch. Das klingt vielleicht einfach, aber in der Praxis ist es ein grosser Unterschied. Erfolg ist nie nur etwas, das man für sich selbst nimmt.

Freundlichkeit, Ehrlichkeit und Klarheit sind dabei keine Nebensachen. Sie sind Teil des Produkts. Ein Kunde erinnert sich nicht nur an den Preis. Er erinnert sich an das Gefühl, mit dem er aus dem Gespräch gegangen ist.

Offen bleiben, ohne sich zu verlieren

Eine der wichtigsten Lektionen war für mich, nicht arrogant im Kopf zu werden. Früher dachte ich schneller, dass ich gewisse Dinge bereits weiss. Wenn etwas funktionierte, gab mir das Bestätigung. Aber genau darin liegt eine Gefahr. Man kann eng werden, ohne es zu merken.

Dann begegnet man Menschen, die weiter sind. Menschen, die anders denken, mehr Erfahrung haben oder einen Punkt sehen, den man selbst nicht gesehen hat. Wenn man dann offen bleibt und wirklich zuhört, kann man wachsen. Nicht nur im Business, sondern auch im Leben.

Offenheit bedeutet nicht, dass man keinen eigenen Kopf hat. Es bedeutet, dass man bereit ist, etwas zuzulassen und dann ehrlich zu prüfen, ob es stimmt.

Gleichzeitig ist es wichtig, sich selbst nicht zu verlieren. Ich kann zuhören, mich überzeugen lassen und gemeinsam Lösungen finden. Am Ende muss es aber für mich stimmig sein. Wenn ich nach ehrlicher Prüfung spüre, dass ein Weg nicht passt, kann ich auch mit dem Kopf durch die Wand. Beides gehört zusammen. Offenheit und Durchsetzungskraft.

Schweiz, Herkunft und Anpassungsfähigkeit

In der Schweiz geschäftlich erfolgreich zu sein, hat auch mit Verständnis für das Umfeld zu tun. Die Schweiz ist in vielen Bereichen konservativ. Sprache, Auftreten, Bankensysteme, Versicherungen und die Art, wie Vertrauen entsteht, spielen eine grosse Rolle.

Wer hier lebt und geschäftlich etwas aufbauen will, hat einen Vorteil, wenn er das System versteht. Schweizerdeutsch zu sprechen und die lokale Kultur zu kennen, kann Vertrauen deutlich stärken. Es geht dabei nicht darum, die eigene Herkunft abzulegen. Für mich ist der beste Weg eine Mischung. Die Werte, die man aus der eigenen Kultur mitbringt, und die Anpassungsfähigkeit an das Land, in dem man lebt.

Aus meiner libanesischen und italienischen Herkunft nehme ich Wärme, Familie, Energie und Nähe zu Menschen mit. Aus der Schweiz nehme ich Struktur, Verlässlichkeit und Präzision. Wenn man beides richtig verbindet, entsteht eine starke Grundlage.

Man muss seine Wurzeln nicht verlieren, um sich zu integrieren. Die stärkste Position entsteht, wenn Herkunft und Anpassungsfähigkeit zusammenfinden.

Erfolg ist nicht für alle dasselbe

Für mich bedeutet Erfolg, glücklich zu sein. Nicht in dem Sinn, dass jeder Moment leicht sein muss. Aber in dem Sinn, dass man mit dem eigenen Leben im Grundsatz im Einklang ist. Erfolg sieht nicht für jeden gleich aus. Der eine ist glücklich mit Ruhe, der andere mit einer Million. Der eine braucht Reisen, der andere Familie, der nächste Freiheit. Ich werte das nicht. Wenn Geld verdienen jemanden glücklich macht, dann kann das Erfolg sein. Wenn jemand am Strand sitzt und genau das Leben führt, das er will, kann auch das Erfolg sein. Entscheidend ist nicht die äussere Form. Entscheidend ist, ob man das lebt, was einem wirklich entspricht.

In meinem Fall sind es mehrere Dinge. Business macht mich glücklich. Wachstum macht mir Freude. Aber meine Tochter, meine Familie, meine Eltern, meine Frau und meine freie Zeit sind genauso wichtig. Alles muss unter einen Hut kommen. Nicht perfekt, aber ehrlich.

Wofür Freiheit eigentlich da ist

Meine Tochter ist fünf Jahre alt. Ich nehme mir bewusst Zeit, um bei ihr zu sein. Für Ballettunterricht, Reitkurs, Kindergarten oder einfach einen gemeinsamen Tag. Genau dafür habe ich auch gearbeitet. Selbstständigkeit und finanzielle Unabhängigkeit bedeuten für mich nicht nur mehr Möglichkeiten im Geschäft. Sie bedeuten, bei den Menschen sein zu können, die mir wichtig sind.

Auch meine Eltern spielen eine grosse Rolle. Wenn man selbst genug Stabilität aufgebaut hat, kann man anderen mit einem offenen Herzen helfen. Vorher ist vieles schwerer. Man muss zuerst selber stehen, damit man für andere da sein kann.

Geld allein wird nie genug sein. Irgendwann muss man wissen, wofür man arbeitet.

Business bleibt wichtig. Aber es darf nicht alles verschlucken. Es gibt immer mehr zu erreichen, immer grössere Zahlen, immer neue Ziele. Wenn man kein klares Wofür hat, rennt man irgendwann nur noch hinter Zahlen her. Für mich muss das Leben als Ganzes stimmen.

Sichtbarkeit als Ausdruck, nicht nur als Marketing

Aktuell beschäftige ich mich stärker mit Social Media, Image und Sichtbarkeit. Geschäftlich ist vieles aufgebaut. Das Unternehmen funktioniert, die tägliche Arbeit läuft, und natürlich möchte ich weiter wachsen. Aber Sichtbarkeit bedeutet für mich mehr als Werbung.

Ich möchte ein Bewusstsein schaffen. Gerade in einem konservativen Umfeld hört man oft, dass etwas nicht möglich sei. Man solle aufstehen, arbeiten, sich anpassen, nicht zu viel wollen und nicht zu anders denken. Ich habe das selbst erlebt. Deshalb geht es mir darum, zu zeigen, dass Erfolg nicht nur an einer bestimmten Masse gemessen werden muss.

Wenn sich daraus neue Geschäftsmöglichkeiten ergeben, ist das willkommen. Aber der Kern ist ein anderer. Es geht darum, meine Geschichte auszudrücken und Menschen zu zeigen, dass sie ihren eigenen Weg ernst nehmen dürfen, wenn er für sie stimmt.

Was ich meinem jüngeren Ich sagen würde

Wenn ich meinem jüngeren Ich etwas sagen könnte, wäre es einfach. Mach weiter so. Der Weg war richtig, auch wenn nicht alles geplant war. Bleib offen. Lass Dinge zu. Prüfe ehrlich, ob sie zu dir passen. Und trau dich, Schritte zu machen, die andere nicht machen. Die grössten Erfolge entstehen oft dort, wo die wenigsten hingehen. Das bedeutet nicht, blind Risiken einzugehen. Es bedeutet, nicht zu sparsam mit Mut zu sein. Wenn alle zögern und man selbst eine echte Möglichkeit sieht, muss man manchmal genau dort hingehen.

Die grössten Erfolge entstehen oft dort, wo die wenigsten bereit sind hinzugehen.

Heute denke ich auch viel über Führung nach. Darüber, wie man aus Mitarbeitenden das Beste herausholt, ohne dass sie sich nur als Ausführende fühlen. Menschen sollen spüren, dass sie aus eigenem Antrieb beitragen. Natürlich müssen Aufgaben erledigt werden. Aber gute Führung schafft ein Umfeld, in dem Verantwortung nicht nur verlangt, sondern verstanden wird.

Am Ende bleibt für mich eine einfache Erkenntnis. Freiheit ist wertvoll, aber sie wird erst stark, wenn sie mit Verantwortung verbunden ist. Für Kunden, Mitarbeitende, Familie und für den eigenen Weg. Genau darin liegt für mich der eigentliche Erfolg.

Alessio Awad
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